Nokia verlässt Bochum - wieder 90 Mio. Fördermittel in den Sand gesetzt!
Oek_Menschenwürde, Oek_Politik | wong it! 15.01.2008
Es ist immer wieder das selbe Strickmuster - Konzerne äussern ihre Absicht, ein grösseres Werk zu bauen und die Regionen wetteifern um die Ansiedlung. Es fliessen Fördermittel in nicht geringer Höhe und wenn dann die Rückforderungsfrist für diese Fördermittel abgelaufen ist, geht es zu den nächsten ‘Fleischtöpfen’. Die Politiker machen Lärm, wirbeln Staub auf, aber nach kurzer Zeit ist wieder Ruhe eingekehrt. Für manche Landstriche die Friedhofsruhe!
Dies hat jetzt auch Bochum schmerzhaft erfahren müssen. Nokia will sein Werk dort schliessen, was ca. 2.300 Arbeitern den Job kostet, zuzüglich 1.000 Leiharbeitern. Die Produktion wird nach Rumänien verlagert (dafür gibt es Fördermittel der EU!); die hochqualifizierten Tätigkeiten nach Finnland. Das bringt mehr Rendite. Über 3.000 Arbeiter stehen vor einem Scherbenhaufen!
Die Fördermittel des Landes NRW in Höhe von 60 Mio. EUR, sowie 30 Mio. EUR vom Bund für die Forschung, können nicht zurück gefordert werden. Die Frist ist letztes Jahr abgelaufen - die Finnen sind ja nicht dumm! Da sollte sich Frau Thoben auch nicht zu sehr echauffieren. Wenn die Politik die Voraussetzungen für diese Art Renditemöglichkeiten schafft, dann sollte Sie damit rechnen, dass dies auch getan wird. Alles andere ist blauäugig!
Nicht das es Nokia schlecht geht, es wird gut verdient und auch das Werk in Bochum ist nicht etwa defizitär. Nein, so ist es nicht, aber es kann halt immer noch etwas mehr sein. Und wenn dieses mehr in Bochum nicht zu erzielen ist, dann wird halt weiter gezogen. So haben es die Raubritter und die Söldner in den Kriegen auch gemacht.
Quellen und weitere Informationen
Schock vor Schichtbeginn
Handy: Nokia macht Bochumer Werk dicht
Nokia plant den Standort Bochum zu schließen
Nokia Key data
Nokia “Das ist eine Katastrophe für Bochum”
Nokia schließt deutsches Handywerk mit 2.300 Beschäftigten
Update 16.01.2008:
Das Spiel mit den Sahnehäubchen
Wo die Sonne verstaubt
Update 26.01.2008:
Der Handy-Konzern Nokia hat in seinem Bochumer Werk möglicherweise gegen Subventionsauflagen verstoßen.
Betriebsrat: Nokia berechnet Produktionskosten in Bochum falsch
Blog












Das makabere darin ist, dass Arbeitnehmer, die vorher von der Benq-Schließung in Kamp-Lintfort betroffen waren, einen neuen Arbeitsplatz bei Nokia in Bochum gefunden haben. Und jetzt sind diese Leute zum zweiten Mal von einer Werksschließung betroffen.
Genau! Sie werden genauso behandelt, wie totes Inventar.
Ich glaube nicht, dass man Firmen direkt mit dem Raubrittertum aus dem Mittelalter vergleichen sollte. Stattdessen müssen wir uns alle fragen, woher dieses Streben nach immer noch mehr Gewinn und einem noch größeren Vorteil kommt. Die Firmen machen es nicht anders, als jeder von uns. Bei einem Unternehmen wie Nokia geschieht das alles nur in einem viel größeren Stil. Und die Konsequenzen, die das Handeln von Nokia hat, sind dann halt enorm und wirken sich auch entsprechend auf die Arbeiter aus.
Aber im Grunde wird jeder ehrliche Mensch zugeben müssen, dass auch er nach dem größtmöglichen Vorteil für sich selber strebt. Das liegt einfach in der Natur des Menschen.
Christian, mit jeder von uns, fühle ich mich aber nicht angesprochen. Im Gegensatz zu Vorständen von Weltkonzernen den sog. “Global Playern” stelle ich andere Werte weit über materielle Dinge.
Oldman, sehr guter Beitrag!
Nie wieder Nokia…
Solidarität mit Bochum!
……
Hm. Ohne völlig mit Christian einverstanden zu sein, muss ich doch sagen, dass Nokia das nur machen kann, weil wir so was unterstützen.
1) Ich jedenfalls, mit meinen zwei Nokia-Handys. (Ich glaube auch nicht, dass mein früherer Motorola da besser war.)
2) Wir freuen uns alle auch wie bekloppt, wenn Nokia sich in Deutschland niederlässt, uns stecken da unsummen an Steuergelder rein.
3) Und vielen von uns kaufen die besten, billigsten, rentabelsten Riester- und Rürup- und andere Räuberrenten, die nur mit Höchstrenditen finanziert werden können.
Auch wenn ich meine, andere Werte weit über materielle Dinge zu stellen, bestimme ich auch immer noch die Welt über mein Konsumverhalten. Und natürlich freue ich mich über die gute Zinsen auf mein Tagesgeldkonto. Ich braue nicht mein eigenes Biodiesel, sondern unterstütze die Multis. Ich kauf nicht nur Bio. Mein Strom kommt zwar von der EWS, aber mein Rechner ist jetzt an statt aus, und die Strom wird irgendwo produziert.
Ich habe mal jemand gelesen, der meinte, dass man damit Karma kreiert.
Ein Bisschen präziser: Karma ist die Hindu-Lehre, dass das, was von dir ausgeht auch zu dir zurückkommt. So ist das auch mit Geld: du entscheidest in welcher Kreislauf du dein Geld fliessen lässt. Es mag viel oder wenig sein, aber über die Jahre verstärkst du entweder den einen oder den anderen Kreislauf.
Ist dann schon klar, ob diese Staatliche Interventionen letztendlich Gewinn oder Verlust gebracht haben? Die 3300 Leute haben Steuern gezahlt, waren nicht arbeitslos, das müsste auszurechnen sein. Ich weiß, sieht zynisch aus, ist aber eine legitime Frage. Und wie Laut hätte man damals geheult, wenn Nokia nicht gekommen wäre, weil man sie kein Schmiergeld in Höhe von 90M geboten hätte?
Mein größter Ärger in diesem Zusammenhang ist aber, dass man das Geld in ein Großkonzern steckt, das dafür 3000 Arbeitsplätze kreiert (und wieder vernichtet), anstatt kleinen, lokal verwurzelten Unternehmen zu unterstützen.
Die meisten Menschen in diesem Land arbeiten in der Mittelstand. (Und das reimt sich. Ob es auch dicht ist?)
Ich weiß aber aus Erfahrung, dass so eine Situation wie jetzt in Bochum sehr beängstigend ist für die Arbeitnehmer. Also sollten die Politiker eher was tun, um die Leute unter den Armen zu greifen, als dass sie die Nokias ausschalten.
Wir könnten mal eine Wette abschließen, welche(r) PolitikerIn mit jetzt großen Sprüchen als Erste(r) wieder mit eingeschalteter Nokia gesichtigt wird
[...] meinem Beitrag Nokia verlässt Bochum - wieder 90 Mio. Fördermittel in den Sand gesetzt! haben Christian, Tom und Johan Kommentare geschrieben, die meines Erachtens die grundsätzliche [...]
Aus sozialer Sicht ist das Handeln von Nokia natürlich ein Unding. Die ganze Medienberichterstattung ist aber mal wieder viel zu einseitig, denn im Gegenzug für die erhaltenen Subventionen hat Nokia mit Sicherheit dem Land auch einiges an Steuereinnahmen beschert. Diese Seite wird natürlich nur zu gerne ausgeblendet.
@Daniel
Es gibt auch Firmen, die ohne vorher Subventionen bekommen zu haben, Steuern zahlen.
@Zeitcollector
Es gibt immer für alles Gegenbeispiele. Das ist die Natur der Sache. Wenn man das versteht, wird alles einfacher und man muss nicht immer mit Gegenargumenten kommen. Ich hab ja geschrieben: aus sozialer Sicht unverantwortlich, doch stelle ich mir immer auch die Frage: wie würdest Du als CEO entscheiden, wenn Du gegenüber Deinen Aktionären (den eigentlichen Eigentümern des Unternehmens) Rechenschaft ablegen müsstest. Es gibt eben immer zwei Seiten einer Medaille und nie nur eine richtige Meinung.
@Daniel
siehe Die Mär vom treusorgenden Vorstand.
@Zeitkollektor
Aber ich finde auch, man sollte beide Seiten betrachten. Darüber hinaus frage ich mich, was die meisten hier so entrüstet schreibenden User machen würden, wenn sie so eine Entscheidung zu treffen hätten. Aber es liegt ja im Wesen des Menschen, über Dinge zu diskutieren, die man weder vollständig durchdringen noch anhand eigener Erfahrungen nachvollziehen kann.
Ist ja gut, ich bin doch Deiner Meinung
@Daniel:
1) so eine Entscheidung hat man nicht zu treffen. Erst muss man sich die Frage stellen, und die stellt man sich selber.
2) Rechenschaft ablegen gegenüber Aktionären? Da sind wir bei der nächsten Frage: wer sagt den Aktionären, dass sie nur an kurzfristige Gewinnmaximierung interressiert sein müssen? (Und sind sie das immer? Die Rentenkassen in Californien oder den Niederlanden haben zB. sehr wohl ein Interesse daran, in Unternehmen zu investieren, die nicht wegziehen. Und das sind einige der größten institutionellen Anleger der Welt.)
3) Es liegt ja im Natur der Menschen, die Dinge nicht zu durchdringen. Da er aber überleben muss, muss er trotzdem Entscheidungen treffen, und dann tut er gut daran, erst darüber zu diskutieren.
Es ist schon echt krass zu sehen, was mit den Fördermitteln so alles passiert. Da kann man sich nur noch schwarz ärgern.