Sollten wir Verständnis für Nokia haben? Grundsätzliches zum Thema

Zu meinem Beitrag Nokia verlässt Bochum - wieder 90 Mio. Fördermittel in den Sand gesetzt! haben Christian, Tom und Johan Kommentare geschrieben, die meines Erachtens die grundsätzliche Problematik dieses Vorgangs exemplarisch ansprechen. Deshalb will ich diese Kommentare nicht nur innerhalb eines Kommentars zu dem Beitrag beantworten, zumal das Thema ‘Nokia verlässt Bochum’ nicht erledigt ist! Schon an dieser Stelle vielen Dank für die engagierten Kommentare.

KAPITEL 1
Wir alle streben nach mehr Gewinn und grösstmöglichen Vorteil und die Firmen machen es nicht anders, als jeder von uns. Das liegt in der Natur des Menschen

(Die Problematik, eine Firma, eine juristische Person, mit dem Verhalten einer natürlichen Person gleich zu setzen, lasse ich hier mal aussen vor.)

Die in der Überschrift formulierte Aussage habe ich Christians Kommentar entnommen und sie klingt einerseits naturwissenschaftlich aufgeklärt und rational, andererseits sehr zynisch. Diese Einstellung, dass wir egoistische Wesen sind und nach grösstmöglichem Vorteil streben, wird von nicht wenigen Ökonomen und Biologen geteilt. Das liegt sozusagen in unseren Genen und ist somit ‘natürlich’. In Buchtiteln wie z.B. Verdammt zur Unmoral? Zur Naturgeschichte von Gut und Böse Piper, München-Zürich 1993, oder Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion Hirzel, Stuttgart 2007, von Franz Wuketits spiegelt sich dies wieder. Der Homo oeconomicus als Idealtyp dieses auf die Maximierung seines Vorteils bedachten Menschen wurde jahrelang in den Universitätsvorlesungen strapaziert und muss auch heute noch für Vieles herhalten, obwohl die Theorie ihn wohl weitestgehend in Rente geschickt hat.
Dieser Ansatz, dass alle nur nach grösstmöglichem Vorteil streben und dass dieses Streben quasi legitim ist, macht die Welt sehr einfach. Er entbindet von jeder sozialen Einstellung bzw. degradiert diese zu einem Mittel zur Steigerung des eigenen Vorteils. Solidarität mit Anderen, als ein Mittel der eigenen Vorteilsmaximierung. Wäre dem so und wir würden gemäss dieser Einschätzung handeln, würde es meines Erachtens keine Gemeinschaft, keine Gesellschaft wie die unsere geben.
Ich sehe in diesem Ansatz keine Legitimation für das Verhalten von Nokia.

KAPITEL 2
Es gibt nicht nur das Streben nach grösstmöglichem individuellen Vorteilen und es liegt nicht in der Natur des Menschen, ein grenzenloser Egoist zu sein

Tom fühlt sich von Christians Einschätzung nicht angesprochen. Er stellt andere Werte über materielle Dinge, über grösstmöglichen Profit.
Solidarität ist nach meiner Einschätzung dann möglich, wenn das Überleben gesichert ist. Solange der Einzelne um das nackte Überleben kämpft, ist Solidarität mit Anderen Gefährdung der eigenen Existenz. Aus diesem Stadium des täglichen Kampfes um die eigene Existenz sind wir glücklicherweise hinaus. Auch ich teile die Meinung von Tom und sehe nicht das Streben nach grösstmöglichen individuellen Vorteil als meine Verhaltens- und Einstellungsmaxime. Es wäre traurig, wenn nach Jahrhunderten menschlicher Entwicklung nicht mehr herausgekommen wäre, als Vorteilsmaximierung. Dies wird uns sugeriert, um insoweit solche Vorgehensweisen, wie sie Nokia jetzt an den Tag legt, zu legitimieren.

KAPITEL 3
Nokia kann das nur machen, weil wir so was unterstützen.

Mit dieser Einschätzung spricht Johan ein Thema an, bei dem wir vielleicht zu einem Kern der Sache vorstossen.
Es ist so - ohne uns, die die Nokia-Handys kaufen, gäbe es die Handy-Sparte von Nokia nicht. Nokia stellt die Handys nicht aus Spass an der Freud her, wie es so schön heisst, sondern weil sie gekauft werden und damit Gewinn gemacht werden kann. Also haben wir als sog. Verbraucher Einfluss auf die Produktion von Gütern. Was wir nicht kaufen, wird bald nicht mehr produziert. Und unsere Preferierung des billigsten Produktes ala ‘Geiz ist geil’, hat natürlich Einfluss auf Produktionsweisen und kostengünstige Produktion. Und man kann eine Firma führen wie die ‘dm-Drogeriemärkte’ oder wie ‘Schlecker’ - wir entscheiden, wo wir kaufen.
Wie schreibt Johan in seinem Kommentar:

Auch wenn ich meine, andere Werte weit über materielle Dinge zu stellen, bestimme ich auch immer noch die Welt über mein Konsumverhalten.

Boykotiert Nokia

So ist es, und da sollten wir ansetzen. Auch wenn es auf den ersten Blick lächerlich wirkt, hat hier eine Aktion wie ‘Nie wieder Nokia’ ihren Sinn. Andere Aktionen ähnlicher Art haben dies gezeigt. In diesem Sinne bewusster Konsum hat Einfluss. Er ist selten bequem, aber auf Dauer wirksam.

KAPITEL 4
Die staatlichen Subventionen haben insgesamt einen Gewinn auch für das Land gebracht

‘Die 3300 Leute haben Steuern gezahlt, waren nicht arbeitslos, das müsste auszurechnen sein. Ich weiß, sieht zynisch aus, ist aber eine legitime Frage. Und wie laut hätte man damals geheult, wenn Nokia nicht gekommen wäre, weil man kein Schmiergeld in Höhe von 90 Mio. EUR geboten hätte?’ - so schreibt Johan.
Nicht von der Hand zu weisen, aber da sind wir doch wieder bei der puren Finanzakrobatik. Es hat sich auch für das Land und die Leute gerechnet und so muss Nokia erlaubt sein, diese Rechnung auch dauerhaft positiv für sich zu gestalten. Also müsste jetzt NRW wieder 90 Mio. EUR locker machen, um Rumänien auszustechen. Ist es wirklich so, dass es letztlich nur entscheidend ist, wo die Produktion den höchsten Gewinn ermöglicht? Dieser Rendite-Raubbau führt doch analog den Brandrodungen im Urwald zur Verwüstung ganzer Landstriche. Es ist doch nicht so, dass Nokia mit den in Bochum produzierten Handys keinen Gewinn gemacht hätte. Dem Unternehmen geht es laut den Geschäftszahlen blendend und auch die Produktion in Bochum ist nicht defizitär.
Dem Werk in Rumänien wird es auf Dauer nicht besser ergehen. Irgendwann wird die Produktion irgendwo billiger sein als in Rumänien.

Die Arbeitskosten sind ein wichtiger Faktor im Attraktivitäts-Wettbewerb der Wirtschaftsstandorte Die Übersicht des BfS zeigt, dass nirgenwo in Europa die Arbeit mehr kostet als in der Schweiz (33,81 Euro). Fast so teuer sind Schweden (32,16 Euro), Luxemburg (31,98 Euro) und Frankreich (30,31 Euro). Deutschland ist mit 27,79 Euro schon deutlich günstiger.
Am besten kommen im europäischen Vergleich Arbeitgeber in Osteuropa weg. In Bulgarien (1,55 Euro) und Rumänien (2,68 Euro) kostet eine Stunde Arbeit am wenigsten. Auch nach Lettland (3,41 Euro), Litauen (4,21 Euro) oder Estland (5,50 Euro) könnten sich Auslagerungen lohnen.

Die Karawane zieht zur nächsten Oase weiter. Ist dort das Gras abgeweidet, wird eingepackt und wieder zur nächsten Oase gezogen, anstatt für frisches Gras zu sorgen. Das sollen gefälligst andere tun. Die Karawane hat ja während ihrer Anwesenheit für Umsatz gesorgt - das muss reichen! Soll es das wirklich sein?

Wir sollten nicht so tun, als wäre so etwas wie jetzt die Verlagerung der Nokia-Produktion von Bochum nach Rumänien halt der Lauf der Dinge. So ist es nicht. Das lag mir noch am Herzen und die Kommentare von Christian, Tom und Johan sind mir das wert gewesen.

Quellen und weitere Informationen
Die rumänische Regierung baut “Nokia-Village” zum IT-Standort aus und hofft auf den Zuzug weiterer Zulieferer.
“Subventionen können sich durchaus auszahlen”
Werksschließung: Struck und Seehofer legen ihre Nokia-Handys still
Krokodilstränen im Schnäppchenland
Nokia und die Förderung von Unternehmensansiedlungen “Diese Subventionen haben keinen Sinn”

Update 24.01.2008:
Unternehmenszahlen: Nokia jubelt über Riesengewinne
Nettogewinn stieg im vergangenen Jahr um 67 Prozent auf 7,2 Milliarden Euro.
Umsatz stieg 2007 um 24 Prozent auf 51,1 Milliarden Euro.
Den Bochumern hilft dies nicht mehr - sie haben die Zahlen mit ermöglicht!

Update 11.03.2008
Bochum: Nokia muss 59 Millionen Euro zurückzahlen

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