Es gibt in unserer Gesellschaft so einige Redewendungen, die den Gehalt und die Glaubwürdigkeit analog der 10 Gebote der Christenheit haben. Über Sinn oder Unsinn dieser Redewendungen wird demzufolge auch nicht mehr nachgedacht, viel weniger daran gezweifelt.
Dazu gehören solche Klassiker wie “Freie Fahrt für freie Bürger”, “Freiheit statt Sozialismus”, “Spinat darf man nicht aufwärmen”, die sich einander hinsichtlich ‘Sinngehalt’ um nichts nachstehen.
Neuhinzu kommt jetzt etwas noch nicht vollständig Ausformuliertes, etwas, was noch um die endgültige eherne Formulierung ringt, die solche Sprüche erst in die Gehirnwindungen festbrennen und einem Denkverbot gleichkommen. Es ist mit der Diskussion um die Schliessung des Nokia-Werkes in Bochum hochgekommen und hätte auch von der Public Relations-Abteilung von Nokia (oder irgendeiner anderen Aktiengesellschaft) nicht besser erdacht werden können.
Eine schlagkräftige Formulierung habe ich auch nicht gefunden, aber es geht so in die Richtung: Der Vorstand von Nokia musste ja so handeln, weil er zur Renditemaximierung gesetzlich verpflichtet ist und dies auch den Aktionären zugute kommt! Je nach politischer Couleur oder dem Grad des Vertrauens liest man dann auch schon mal den erweiterten Spruch: Der bemitleidenswerte Vorstand von Nokia, der ja gerne in Bochum geblieben wäre, musste ja so handeln, weil er zur Renditemaximierung gesetzlich verpflichtet ist und dies auch den Klein-Aktionären zugute kommt!
Wenn ich das lese, sehe ich den Vorstand in Finnland förmlich verschmitzt grinsen!
Wer in einer Aktiengesellschaft arbeitet (je grösser, desto besser für das Verständnis des Wirtschaftslebens) und mit offenen Augen und Ohren durchs Leben geht und die Nachrichten aufmerksam verfolgt, der sollte eigentlich wissen, wie mit viel Geld umgegangen wird und wie Rendite- und Bilanzzahlen zustande kommen. Und wer verfolgt, wie im Hause Nokia mit Subventionen und Arbeitskostenberechnungen verfahren wird, sollte eigentlich sehr viel skeptischer sein.
Schaut man auf die während der vergangenen Jahre durch Fehlentscheidungen von Vorständen in den Sand gesetzten Milliarden und die daraus resultierenden ‘Strafen’ für diese Vorstände, dann ist man ja als Vorstand geradezu aufgefordert, gegen seine Pflichten zu verstossen, da ja mit der Entlassung oder der Trennung im gegenseitigen Einvernehmen, der Abfindungsrubel reichlich rollt.
Die jüngste Bankenkrise ist ein illustres Beispiel. Fast jede der grossen Banken hat mehr oder weniger Geld ‘verbrannt’; einige Vorstände sind gegangen worden, mit viel Geld in den Taschen. Sie werden, so sie sich nicht zur Ruhe setzen, irgendwann und irgendwo wieder in den Startlöchern zu neuen Abenteuern stehen. Die Nachfolger bekommen, wie jetzt bei der Citigroup, nach 6 Wochen Amtszeit, bereits Aktien im Wert von 26,7 Millionen Dollar sowie drei Millionen Aktienoptionen zuerkannt. Der Vorgänger Charles Prince, bekommt eine Abschiedsprämie in Millionenhöhe. Über den tatsächlichen Wert der Abfindung gibt es widersprüchliche Angaben, sie reichen von etwa 40 Millionen Dollar bis zu rund 95 Millionen Dollar.
Die Societe Generale erfährt einen Verlust von 5 Milliarden EURO (als Zahl: 5.000.000.000; das sind in DM umgerechnet 9.779.150.000). Das wirft sie nicht etwa um - nein, das Leben geht weiter (denn Geld ist ja da, noch viel mehr). Wieviel Gehaltserhöhungen hätte man mit dem Geld finanzieren können?
Ach ja, da war ja noch das Argument, dass alles zum Wohle des Aktionärs ablaufen soll. Dazu gibt es nicht allzuviel zu sagen. Wie das aussieht, kann jeder sehen, der die Börsendaten aufmerksam verfolgt. Die Kurse werden auf andere Art und Weise gemacht und wenn offizell die Rendite nicht stimmt, ist das nur für die ein Ausstiegssignal, die bisher nichts mitbekommen haben, wie z.B. der Kleinaktionär. Denn man sollte berücksichtigen - die Börse ist ein Feld mit asymmetrischer Information.
Zum Schluss noch eine Anmerkung: Ganz verschämt taucht auch noch das Argument auf:
Die armen Rumänen sollen doch jetzt auch mal was verdienen und insoweit ist es doch gut, wenn Nokia dorthin geht!
Die armen Rumänen haben erst einmal Vorleistungen für die reichen Finnen erbracht; hätten sie diese Vorleistungen in die Förderung der einheimischen klein- und mittelständischen Wirtschaft gesteckt, wäre dies auf Dauer wahrscheinlich wirkungsvoller gewesen. Die Fabrikationshalle in Rumänien hat übrigens eine deutsche Firma gebaut - soviel zur Förderung der Rumänen.
Nach ein paar Jahren wird Nokia dann weiter ziehen. ‘Zum Wohle’ eines anderen, noch billigeren Arbeitnehmers!
By the way - sollte Nokia insoweit nicht einen Antrag auf Gemeinnützigkeit stellen?
Ich bin übrigens der Meinung, dass es auch Vorstände gibt, die wirklich ihre Pflicht tun!
Quellen und weitere Informationen
Aktiengesetz
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