Ernährungssouveränität - für die Schweiz und auch für uns?

Preissteigerungen bei Lebensmitteln, Streik der Milchbauern, Ernährungskrise - neben den Energiepreissteigerungen die Schlagwörter der letzten Wochen.

Ein Lösungsansatz wäre, auch für die europäischen Länder, das Konzept ‘Ernährungssouveränität’.
Entwickelt von der internationalen KleinbäuerInnenorganisation Via Campesina für die Länder des Südens und 1996 der Welternährungsorganisation (FAO) vorgelegt, kann es auch für uns sinnvoll sein.

Einwände gegen die Anwendung des Konzeptes der Ernährungssouveränität auf die Schweiz und die entsprechenden Gegenargumente hat der Ethiker Thomas Gröbly in einem Artikel in der WOZ beschrieben. Was er dort für die Schweiz ausführt, kann auch für Deutschland gelten.
Beispielhaft sei hier ein Einwand mit Gegenargumentation aufgeführt:

Einwand 4: In einer globalisierten Welt ist die Orientierung an der Selbstversorgung unsinnig.

Warum soll man eigene teure Lebensmittel anbauen, wenn diese auf dem Weltmarkt billig erhältlich sind? Warum soll die Schweiz überhaupt eine Landwirtschaft betreiben? Einige Argumente sprechen für den Erhalt der lokalen Selbstversorgung. Wir wissen nicht, wie lange wir im Ausland zu (billigen) Lebensmitteln kommen. Spätestens wenn die Erdölpreise und in diesem Zusammenhang alle Transporte teurer werden, ist Schluss mit billig. Zudem geht ohne BäuerInnen wichtiges bäuerliches Handwerk und Wissen, auf das wir existenziell angewiesen sein werden, verloren. Weiter wären alle multifunktionalen Leistungen der Landwirtschaft - wie die Landschaftspflege - anders und wohl teurer zu erbringen. Die Priorität der Selbstversorgung ist nicht nur ökologisch gefordert, sondern erhöht die soziale Sicherheit und die Autonomie der Menschen in einem Land.

Weitere Einwände gegen Ernährungssouveränität, die Gröbly behandelt, sind:
Einwand 1: Ernährungssouveränität ist ein Konzept für arme Länder und nicht für die reiche Schweiz. Es ist ungerecht, den globalen Süden gegenüber den Märkten des Nordens auszugrenzen.
Einwand 2: Ernährungssouveränität verhindert die positiven Effekte des Wettbewerbs.
Einwand 3: Ernährungssouveränität widerspricht dem Prinzip des freien Marktes.
Einwand 5: Überleben kann nur eine hochproduktive industrielle Landwirtschaft. Ernährungssouveränität verhindert den notwendigen Strukturwandel.
Einwand 6: Die Ernährungssouveränität verhindert die Sicherung der Welternährung, denn diese kann nur mit industrieller Landwirtschaft garantiert werden. Das Konzept verbaut globale Lösungsansätze.
Einwand 7: Ernährungssouveränität verbaut globale Lösungsansätze.
Einwand 8: Ernährungssouveränität fördert den Nationalismus.

Lesens- und Nachdenkenswert.

5 Kommentare

  1. geschrieben am 15. Juni 2008 um 12:17 Uhr | Permalink

    Man möchte dem Ethiker und Landwirt (!) Gröbly nahelegen, doch mal bei dem Moralphilosophen Smith und dem Ökonomen Ricardo ein wenig über das Konzept der Arbeitsteilung nachzulesen.

    Arbeitsteilung heißt, dass jeder das tut, was er am besten kann. So wird das Gesamtergebnis mit dem geringsmöglichen Aufwand produziert. Gröblys Einwände gegen die Anwendung dieses Prinzips auf den grenzüberschreitenden Lebensmittelhandel sind nicht stichhaltig. Zum Beispiel dieser:

    Wir wissen nicht, wie lange wir im Ausland zu (billigen) Lebensmitteln kommen.

    Doch, das wissen wir sehr genau: So lange, wie wir den Produzenten der Lebensmittel etwas zum Tausch anbieten können. Dieses Tauschmittel sollte idealerweise etwas sein, das wir besonders gut produzieren können, im Falle der Schweizer vielleicht Armbanduhren oder Finanzdienstleistungen. Dass das Wissen um das bäuerliche Handwerk soweit erodiert, dass wir in dem Fall, dass die heimische Produktion von Nahrungsmitteln vielleicht doch günstiger ist als der Bezug aus dem Ausland, die Produktion nicht wieder aufnehmen könnten, kann im Zeitalter des globalen Informationsaustauschs nur als schlechter Scherz bezeichnet werden.

    Das ‘Konzept’ der Ernährungssouveränität ist meines Erachtens weder für die Schweiz noch für die ‘Länder des Südens’ auch nur ansatzweise geeignet. Es handelt sich vielmehr um ein verkapptes Subventionsprogramm für Kleinbauern. Ich glaube auch nicht, dass es ökologisch vorteilhaft ist. Das Erzeugen von Nahrungsmitteln auf dafür eigentlich ungeeigneten Böden erzeugt eher mehr ökologische Schäden als der Import von Böden, die viel besser geeignet sind.

  2. [zeitcollector]
    geschrieben am 15. Juni 2008 um 19:25 Uhr | Permalink

    @Holger
    Ich sehe das nicht uneingeschränkt so. Die Lehrmeinungen von Ricardo und Smith habe ich noch halbwegs aus VWL-Zeiten präsent. Allerdings ist seit der Entwicklung dieser Lehren einiges an Zeit ins Land gegangen. Die uneingeschränkte Anwendung auf unsere heutigen Verhältnisse, hat für mich etwas dem Kreationismus vergleicbares. Vieles am wirtschaftlichen Umfeld hat sich inzwischen geändert und das sollte bei der Übertragung der Lehren von Ricardo und Smith ins Heute einfliessen. Das Konzept der externen Effekte haz man damals sicher nicht berücksichtigt.
    Die Ernährungssouveränität ist ja nach meinem Verständnis keine Ideologie, keine Doktrin, sondern es geht darum, dass nach dem Verständnis ihrer Befürworter alle Völker, Länder und Ländergruppen, ihre Landwirtschafts- und Ernährungspolitik selbst definieren dürfen. Die von Dir angesprochene Arbeitsteilung sehe ich dadurch nicht ausgehebelt, oder? Und ich sehe auch nicht den Zwang, auf ungeeigneten Böden unbedingt etwas Bestimmtes erzeugen zu wollen/müssen.

  3. geschrieben am 16. Juni 2008 um 19:31 Uhr | Permalink

    Wenn es allein um die Selbstdefinition der Ernährungspolitik ginge, wäre ich einverstanden. Jedes Land muss das Recht haben, selbst über seine Geschicke zu entscheiden. Das Konzept beinhaltet aber politische Forderungen. In dem Wikipedia-Artikel heißt es z.B.

    Selbstversorgung, lokaler und regionaler Handel sollen Vorrang vor Exporten und Welthandel haben.

    Ich verstehe einfach nicht, welchen Vorteil es haben soll, wenn die Arbeitsteilung an der Landesgrenze halt macht. Und dies hier:

    Schutz von Kleinbauern vor billigen Importen (Dumping)

    klingt meines Erachtens nach verkapptem Protektionismus. Und was ich nicht importiere, muss ich schon selbst produzieren, ggf. auch auf schlecht geeigneten Böden.

    Die USA können aufgrund der geographischen Verhältnisse gigantische Mengen Weizen produzieren. Was bringt das jetzt einem Land wie Bolivien oder der Schweiz, auf den Import amerikanischen Weizens zu verzichten, um ihn unter hohem Aufwand an Arbeit selbst zu produzieren? Wäre es nicht viel klüger, etwas zu produzieren was man gut kann und es gegen Weizen zu tauschen? Was an dieser Erkenntnis der klassischen Ökonomie veraltet ist, erschließt sich mir nicht so recht.

  4. [zeitcollector]
    geschrieben am 17. Juni 2008 um 15:49 Uhr | Permalink

    In ihrer reinen Form sind die Erkenntnisse der klassischen Ökonomie sicher nicht falsch oder veraltet. Aber die Welt ist nicht mehr so, wie sie da beschrieben wird (falls sie jemals in dieser reinen Form so bestanden hat).
    Der Schutz vor billigen Importen ist dann kein verkappter Protektionismus, wenn damit einem Protektionismus (und nicht nur durch direkten Protektionismus, sondern auch durch Nichtberücksichtigung der externen Effekte) der billigen Importe im Herstellungsland begegnet wird. Etwas, was man selbst gut herstellen kann, gegen billigen Weizen zu tauschen, ist meines Erachtens dann klug, wenn dies auf fairer Basis geschieht.
    Die Lehren von Ricardo, Smith usw. sind als Erklärungsmuster hilfreich, sie aber in reiner Form heute anwenden zu wollen - da drängt sich der von mir in meinem ersten Kommentar angesprochene Vergleich mit dem Kreationismus auf.

  5. geschrieben am 17. Juni 2008 um 18:46 Uhr | Permalink

    Das hat meines Erachtens nichts mit Kreationismus, sondern nur etwas mit gesundem Menschenverstand zu tun. Fairer Handel ist eine Forderung, die ich sofort unterschreiben würde - wobei ein Handel immer dann fair ist, wenn alle Beteiligten freiwillig handeln. Protektionismus, der eine Revanche für den Protektionismus der Gegenseite ist, bleibt dennoch Protektionismus mit all seinen negativen Folgeerscheinungen.

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