Boykott der olympischen Spiele und die Verantwortung

GvR_Ethnien, GvR_Fernsehen, GvR_Sport, Oek_Sport | wong it! 27.03.2008

Die olympischen Spiele stehen im Brennpunkt der Diskussion. Ausgelöst durch die gewalttätige Reaktion der chinesischen Behörden auf die Demonstrationen der Tibeter wird in ganz Europa der Boykott der olympischen Spiele diskutiert.
Die Optionen lauten: Boykott der Eröffnungszeremonie, Boykott der gesamten Spiele oder kein Boykott.
Überwiegend wird aber ein Boykott abgelehnt - sowohl von den Politikern, dem IOC als auch von den Sportlern und auch dem Dalai Lama. Inwieweit es dabei bleibt, ist auch von dem weiteren Vorgehen der chinesischen Behörden abhängig.

Weder die nichtchinesischen Politiker noch das IOC und auch nicht die Sportler sind verantwortlich für das, was im Tibet gerade geschieht. Auch ich bin nicht dafür verantwortlich und wenn ich die olympischen Spiele boykottiere, indem ich sie ignoriere, wird das die chinesische Regierung genausowenig stören, wie der oft zitierte Sack Reis, der in China umfällt. Auch die Politiker in Europa, das IOC und die Sportler halten einen Boykott für wirkungslos und ziehen als Beleg den Boykott der olympischen Spiele 1980 in Moskau heran. Auch das hätte damals nichts gebracht. So gesehen hat bisher kein Boykott etwas gebracht.
Wo liegt aber die ‘Schmerzgrenze’ für den Boykott der olympischen Spiele in Peking? Bemisst sich diese an der Zahl der Toten in Tibet?

Als die olympischen Spiele nach Peking vergeben wurden, war damit die Hoffnung verbunden, dass sich dies positiv auf die Entwicklung der Demokratie in China auswirkt. Diese Hoffnung hat sich im Wesentlichen nicht erfüllt (das Sport dafür das geeignete Instrument ist, wird bezweifelt). Todesurteile werden weiter in grosser Zahl vollstreckt, Menschenrechte werden in vielen Fällen nach wie vor massiv verletzt und die Situation der Wanderarbeiter ist erbärmlich. Hinzu kommt jetzt das Vorgehen gegen die Demonstranten in Tibet.
Kann man für das Alles das IOC verantwortlich machen? Sicher nicht; aber das IOC ist verantwortlich dafür, das die olympischen Spiele an ein Land vergeben wurden, das damit Propaganda betreibt und die Verfehlungen gegen Demokratie und Menschenrechte damit übertüncht. Nur das IOC, Hüter des olympischen Gedankens, ist insoweit die Instanz, die einen Boykott aussprechen sollte, die die olympischen Spiele absagen sollte. Dafür trägt es die Verantwortung.

In diesem Zusammenhang ergibt sich die Frage, wer in dem Fall der ‘Verantwortliche’ ist. Wer hat da die Verantwortung - das IOC als Institution oder die Personen, die das IOC bilden?
Wie immer, wenn es um Verantwortung geht, ist zu fragen: Wer ist wem wofür verantwortlich? Verantwortung setzt Freiheit voraus, die Freiheit, sich für eine von mehreren Möglichkeiten zu entscheiden. Ist diese Freiheit nicht gegeben, kann es auch keine Verantwortung geben. Darüber hinaus muss der Handelnde Kontrolle über das Ergebnis der Handlungen haben und die Folgen seiner Handlung kennen. Kann dies eine Institution wie das IOC leisten? Oder ist dies nur durch eine Person leistbar? Die Entscheidung des IOC, die olympischen Spiele an Peking zu vergeben, wurde von den Mitgliedern des IOC getroffen. Insoweit sind diese auch verantwortlich für die Folgen dieser Entscheidung und zuständig für die Revision. Das IOC will diese Entscheidung aber nicht revidieren. Ist somit die Diskussion beendet? Für die Politiker, die Sportler, das IOC und die Wirtschaftsunternehmen, die an der Olympiade verdienen, sicher.

Welche Verantwortung erwächst aus dieser Entscheidung, die olympischen Spiele nicht zu boykottieren, für diese handelnden Personen und Institutionen? Stellen wir wieder die Frage: Wer ist wem wofür verantwortlich?
Kommt es nicht zum Boykott, wird China die olympischen Spiele für seine Propagandazwecke nutzen. Dafür wären die ‘Nichtboykottierer’ verantwortlich. Wem gegenüber wären sie verantwortlich? Den Tibetern und den anderen Unterdrückten in China gegenüber!
Wären die Auswirkungen eines Boykotts aber schlimmer als die Auswirkungen des Nicht-Boykotts? Dieses Argument heilt die Entscheidung, nicht zu boykottieren? Ein Dilemma, welches aber schon zum Zeitpunkt der Vergabeentscheidung gegeben war. Jetzt sind die Politiker, das IOC und die Sportler Getriebene dieser damaligen Entscheidung.

Ich werde die olympischen Spiele ignorieren. Wie oben gesagt, wird China das nicht interessieren. Aber davon mache ich meine Entscheidung nicht abhängig. Ich werde auch die Produkte der Firmen ignorieren, die mit der Olympiade werben bzw. diese sponsern.
Schön wäre es, wenn ARD und ZDF sich entschliessen würden, anstatt Berichte von den Sportereignissen, Berichte über die gellschaftlichen Mißstände in China zu senden. Das würde sich meines Erachtens bestens mit dem Auftrag der öffentlich-rechtlichen Programmanstalten vertragen.

Tibetische Proteste gegen China

GvR_Bürgerengagement, GvR_Ethnien | wong it! 11.03.2008

by pixelio

Anlässlich des 49. Jahrestages der Flucht ihres geistlichen Oberhaupts, dem Dalai Lama, nach Indien, demonstrierten Tibeter in Lhasa. Die chinesischen Behörden verhafteten unter anderem 60 Mönche und gingen mit Gewalt gegen die Demonstranten vor. Die verhafteten Mönche wurden an einen unbekannten Ort gebracht.

Fünf Monate vor Beginn der Olympischen Spiele in Peking hat der Dalai Lama China für eine Verschlechterung der Menschenrechtslage im besetzten Tibet verantwortlich gemacht. “In Tibet nimmt die Unterdrückung weiter zu”, sagte das geistige Oberhaupt der Tibeter am Montag (10.3.2008) in einer Ansprache zum 49. Jahrestag des tibetischen Aufstands gegen China.

Der Olympische Geist schwebt über diesem Geschehen. Das IOC hat damit keine Probleme!

Aber auch die USA-Regierung, die selbsternannte Bewahrerin der Menschenrechte, hat mit China in dieser Hinsicht auf einmal weniger Probleme. Sie streicht China von Liste der schweren Menschenrechts-Sünder. Die allgemeine Lage der Menschenrechte sei dort aber noch immer schlecht - warum dann die Streichnung? Damit die USA ihre Sportler nicht in ein Land schicken, das schwerer Menschenrechtsverletzungen beschuldigt wird? Wäre da nicht ein Boykott der Olympischen Spiele konsequenter?

Update 14.03.2008:
Eskalation der Gewalt: Blutige Unruhen in Tibet lösen Entsetzen aus

Update 16.03.2008:
In Deutschland wird über einen Olympiaboykott diskutiert:
Olympia-Boykott als letztes Mittel

Update 20.03.2008:
Chinas Politik im Tibet-Konflikt - Aufrüsten, Absperren, Ausweisen

Olympischer Fackellauf zum Friedhof

GvR_Demokratie, GvR_Sport | wong it! 12.01.2008

Der Olympische Fackellauf zur Olympiade 2008 in China soll in seiner letzten Etappe zum Tiananmen-Platz führen. Dieser Platz sollte eigentlich noch deutlich in Erinnerung sein. Am 04. Juni 1989 wurde die Demokratiebewegung in China auf diesem Platz blutig niedergewalzt. Ironischerweise lautet die Namensübersetzung ‘Platz des himmlischen Friedens’!

Von den Machthabern in China sollte man keine Sensibilität erwarten. Sie kommen anscheinend auch nicht ansatzweise auf den Gedanken, dass es mit dem olympischen Gedanken unvereinbar ist, den Fackellauf auf einem Friedhof enden zu lassen, ja dass es makaber ist. Die Opfer des 04. Juni sind dort zwar nicht beerdigt, aber wer dort steht und nicht vollkommen ignorant ist, wird sich wie auf einem Friedhof fühlen.
Aber werden unter den 100.000 Menschen, die das olympische Feuer auf dem Tiananmen-Platz begrüssen, nicht auch internationale Olympiafunktionäre sein? Was fühlen diese, wenn sie dort stehen? Erhabenheit, Stolz oder garnichts?

Siehe auch:
Olympischer Geist trifft auf Todesstrafe